Bauhaus-Universität Weimar

SoSe 2005

Seminar: Tier-werden.

Die Philosophen und das Animalische

Dr. Daniel Tyradellis

 

Jan Goldfuß

 

 

Gedanken zum Tier werden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhalt

Gedanken zum Tier werden1

Einleitung2

Werkzeug2

Denken4

Medien / Kultur4

Idendität6

Langeweile7

Religion8

Freier Wille9

Heute9

Zitate und Quellenangeben:12

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einleitung

 

Ich möchte zunächst auf die Unterscheidung Mensch und Tier eingehen. Im Seminar klang an, das Tier sei praktisch als Gegenstück zum Menschen zu sehen. Der Mensch definiere sich also gerade dadurch kein Tier zu sein. Dies möchte ich grundsätzlich zur Diskussion stellen. Im folgenden spreche ich zwar mit den Termen Mensch und Tier, dies jedoch nur im Sinne der Artenspezifikation. Der Mensch soll zunächst auch als Tier gesehen werden und davon ausgehend seine Besonderheiten dargestellt werden.

In unserer Körperlichkeit sind wir als Menschen zunächst der materiellen Welt ebenso ausgeliefert wie das Tier und demnach den selben Zwängen und Trieben wie Hunger, Müdigkeit, Sexualität, et cetera unterworfen.

Ich möchte hier ein (freilich sehr hypothetisches) Model des Urzeitmenschen zur Darlegung benutzen: Man stelle sich den Menschen ohne jegliches künstliches Hilfsmittel in einer von ihm unberührten Natur vor.

 „Da Homo weder eine spezifische Essenz noch eine Berufung hat, ist er grundlegend nicht-human, kann er alle Eigenschaften und alle Gesichter annehmen.“ (1) (S. 40) Dies scheint mir ein erstes Charakteristikum des Menschen zu sein: geringe Spezialisierung und hohe Anpassungsfähigkeit. So kann er nicht besonders schnell laufen, nicht schwimmen oder gar fliegen, besitzt keine überaus große Kraft,  ist ungeschützt gegenüber Witterung und Raubtieren und im Dunkel fast blind (dafür immerhin farbsehend) und bedarf viele Jahre der Fürsorge um selbstständig leben zu können. „In der Tat schreibt Linné, dass die Natur den Menschen bei der Geburt >>nackt auf die nackte Erde<< geworfen habe, unfähig zu erkennen, zu reden, zu gehen, sich zu ernähren, wenn ihm das nicht beigebracht wird [...]. Er kommt nur zu sich selbst, indem er sich über den Menschen erhebt (oquam contempta res est homo, nisi supra humana se erexerit: Linné 1735, S.6) (1) (S. 36 f.) Freilich fallen diese Unzulänglichkeiten nur besonders im Gegensatz zu speziellen Tierarten auf. Zunächst handelt es sich beim Menschen aber um ein eher mittelmäßiges Tier.

Werkzeug

 

Dank dieser Unzulänglichkeiten ist der Mensch (aus dem Paradiese verbannt) in einer rauen Umwelt auf Werkzeuge und Hilfsmittel angewiesen um zu überleben. Erst durch die Benutzung von unmenschlichen Gegenständen ist er in der Lage sich in der Welt zu behaupten. Dabei spielt die vom Boden deterritorialisierte und dadurch frei gewordene Hand - mit dem oppositionellen zum Greifen ermöglichenden Daumen - als primäres (und ihm eigenes) Werkzeug eine entscheidende Rolle für den Menschen: „Von Beginn seiner Geburt an deterritoialisiert er seine Vorderpfote, reißt sie los von der Erde, um daraus eine Hand zu machen, und retterritorialisiert sie an Ästen und Werkzeugen.“ (2) (S.77) Mit ihr können also nun Gegenstände ergriffen, benutzt und bearbeitet werden. Mittels des Mediums Hand schafft sich der Mensch Erweiterungen seines Körpers indem er Gegenstände benutzt. Ein schönes Bild dieses mächtigen Ergreifens gibt Stanley Kubricks Film „2001 – A Space Oddysee“. Hier wird das Tier durch das Benutzen eines Knochens als Keule zum Menschen. In bezeichnender Weise setzt es dieses Werkzeug als Mordinstrument ein. Der Affe kann hier also durch das Ergreifen eines Hilfsmittel  über Leben und Tod bestimmen und hebt sich so von den anderen Tieren ab. Heidegger geht nach Derrida sogar soweit, „dass >>der Mensch nicht Hände ’hat’<<, sondern dass die Hand das Wesen des Menschen innehat, um darüber zu verfügen. (3) (S.74) (Wobei hier dem Werk der Hand allerdings noch das Denken überordnet wird).

Durch diese künstliche Utilitarisierung von natürlichen Gegenständen hat der Mensch also die Möglichkeit seine Umwelt nachhaltig zu beeinflussen, ja sie in weiterer Folge zu beherrschen. Auch mache Tiere benutzen nun Gegenstände als Hilfsmittel, jedoch zeichnet sich der Mensch im weiteren, über den einfachen Gebrauch hinaus, dadurch aus mehrere Arbeitsschritte in Folge auszuführen und Dinge erst so zielgerichtet als Werkzeug einzusetzen indem diese umgeformt werden (etwa einen Stein zu spitzen). Dies folgt aber erst aus dem wachsenden Erfahrungsschatz im wiederholten Umgang mit dem Gegenstand und den bewusst eingesetzten ihm eigenen Charakteristika (eine Steinart die härter ist als eine andere etwa) und der dann gezielten Kombination dieser (harter Stein, leichtes flexibles Holz, belastbare Spann-kraft von Fasern oder Darm -> Bogen). Es findet also eine Kategorisierung der Umwelt und ihrer Gegenstände statt. Dieses Bewusstsein über die Materialität wird zunächst im Kindesalter spielerisch erlernt, aber auch durch Lehre weiter vermittelt.

Auch Tiere machen in ihrer Jugend spielerisch Erfahrungen und lernen von den älteren (man denke etwa an Löwen und deren Kampf- und Jagdspiele). Tiere passen sich mit ihrem Verhalten aber eher der gegebenen Welt an als diese bewusst zu verändern. Sie sind also in dem Sinne passiv als sie in ihrer angeborenen Spezialisierung zum größten Teil ihrem Lebensraum entsprechen und wenig flexibel sind. Der Mensch nun in seiner unspezialisierten Art ist darauf angewiesen die Welt aktiv zu seinen Gunsten zu verändern und kann deshalb über sein natürliches Gebiet hinaus in der Welt überleben. Dabei trifft er immer wieder auf neue Begebenheiten und Probleme, die ihn wiederum zu neuen Lösungen drängen (das Benutzen von Tierfell in kalten Regionen etwa oder der Raumanzug auf dem Mond). Ein weiteres Charakteristikum des Menschen wäre also sein aktiv schöpferisches Verhalten, das aber erst durch die Benutzung von Werkzeugen entfaltet werden kann.

 

Denken

 

Bei dem Benutzen von Gegenständen und dem Herangehen an Probleme besitzt der Mensch nun die Fähigkeit zum kreativen Denken. Er muss nicht von vorhandenen Gegebenheiten ausgehen, sondern kann sich mögliche Situationen vorstellen. Kommt man etwa an eine Schlucht, die unüberwindbar scheint, so würde ein Tier ratlos davor herumlaufen und gegebenenfalls umkehren. Ein Mensch kann auf die Idee kommen, dass die Schlucht schmaler sein könnte oder es einen Weg darüber gibt. So geht er am Rand entlang um eine schmale Stelle zu suchen, oder findet einen großen Baum, der gefällt den Weg darüber ermöglicht. (4) Dieses kreative „Was wäre wenn?“ Denken ist bedingt von verschiedenartigen, voneinander unabhängigen Erfahrungen die auf an sich unpassende Weisen kombiniert werden. Sicherlich ist bei diesem Denkprozess die langzeitige Speicherung und Bereitstellung von Erfahrungen und damit die Leistungsfähigkeit des Gehirns entscheidend. Diese Fähigkeit vom Gegebenen unabhängig zu Denken und in den Raum des Hypothetischen einzutreten, quasi zu träumen oder zu phantasieren ist nun einer der entscheidenden Leistungen des Menschen: Begebenheiten unabhängig von ihren Gefügen zu denken und neu zu kombinieren. Erst dadurch werden Aktionen oder Gedanken mit Sinn aufgeladen: „Ein Begriff ist solange ohne Sinn, als er nicht mit anderen Begriffen verbunden und mit einem Problem zusammengebracht ist, das er löst oder mithilft zu lösen.“ (2) (S. 90)

 

Medien / Kultur

 

Durch die Weitervermittlung von gemachten Erfahrungen nun wird eine fortschreitende Entwicklung ermöglicht. Dabei kommt die langjährige Lernphase der Heranwachsenden ebenso positiv zum tragen wie der Austausch mit anderen Menschen. Die Weitervermittlung durch Kommunikation von Wissen spielt also eine entscheidende Rolle. Dies gewährleistet die Möglichkeit der Annahme von Erfahrungen anderer, ohne diese selbst gemacht haben zu müssen. Je größer der Erfahrungsschatz ist, desto eher können mögliche und unerwartete Probleme gelöst werden. Durch Medien, also indirekt vermitteltes Wissen können Erkenntnisse weiterverbreitet und allgemeingültiger abgerufen werden. Lernen Tiere nur durch direkte Nachahmung von Taten kann durch mediale Vermittlung eine Allgemeinheit ohne direkten Adressaten angesprochen werden. Auch besitzen Medien eine längere Halbwertszeit und ein Eigenleben und sterben nicht mit dem Ausführenden. Somit kann die kulturelle Wissensvermittlung als Erweiterung des Gehirns gesehen werden. Medien stellen durch ihre Speicherung von Information Kultur her und haben es dem Menschen ermöglicht das Wissen seiner Vorgänger zu erhalten, auch wenn es nicht unmittelbar gebraucht wurde, wodurch sich eine Unzahl neuer Kombinationsgebilde ergibt. Weiterentwickelte Medien wie etwa die Schrift haben einen noch höheren Konservationsgrad und weitreichendere Unmittelbarkeit. Sie kann auf Stein oder Papier gespeichert werden und die enthaltenen Informationen können (theoretisch) zu beliebiger Zeit und beliebigem Ort abgerufen werden. (Hier wird nun allerdings die Lagerung und Verwaltung der Information wichtig.)

Es wird öfters gefragt ob nicht die Sprache das ausschlaggebende Kriterium für die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier sei. In dem Sinne der Kulturvermittlung trifft dies sicher zu, allerdings nur deshalb da es sich um ein allgemeingültiges Medium handelt. (Ich denke hier etwa an die Homerischen Gesänge die über Generationen mittels Sprechen, Hören und Auswendiglernen vermittelt wurden.) Die Entstehung der Sprache setzt aber ziemlich sicher ein schon existentes Sozialsystem voraus (und verstärkt dieses dann auch). Auch Tiere leben in sozialen Gefügen und verständigen sich auf verschiedene Arten. Jedoch besitzt deren Kommunikation wohl kaum einen so hohen Grad als, dass sie über direkte, unmittelbare Begebenheiten hinaus ginge und sich somit auf einer instinktiven, gestenhaften Ebene aufhält. Erst durch den bewussten Gebrauch von vereinbarten Gesten und Symbolen ist der Mensch in der Lage gehobene, allgemeingültige Kommunikation sogar auf abstrakter Ebene zu führen. (4)

Es wird zu weilen behauptet der Mensch denke in Worten, was der Annahme das menschliche Denken sei erst durch die Entstehung der Wortsprache möglich geworden nahe legt. In einer literarischgeprägten Gesellschaft mag dies durchaus logisch und zutreffend erscheinen. Demnach lässt erst die Benennbarkeit einer Sache diese ins Bewusstsein treten und abstrakte Begriffe werden für den Menschen in seiner Denkwelt zugänglich. (Eine Sprache ohne Artikel, etwa das lateinische muss Begriffe wie „Das Gute“ umschreiben, als „ das was gut ist“ und kann somit nicht „das Gute“ als solches kennen.) Allerdings würde ich behaupten, dass solch abstrakte Gebilde durchaus auch schon vor deren Benennung existieren und – wenn auch auf eine andere Weise – wahrgenommen werden. Den Begriff der Freiheit etwa kennt ein Hund sicher nicht, jedoch stellt sich in ihm sicher ein gewisses Gefühl, das wir als Unfreiheit benennen würden, ein, wenn er sich in einem Käfig vorfindet. Was ich damit sagen will: Auch wenn Begebenheiten nicht durch Worte definiert sind, sind sie vorhanden und wahrnehmbar. Freilich lassen sie sich ohne Worte nur in für uns vielleicht ungewohnte Weise in Denkprozesse integrieren oder kommunizieren. Möglich ist dies jedoch auch, etwa in musikalischer oder bildlicher Weise (man denke an den Traum oder den Film, der sonst gar nicht funktionieren könnte). Das wortbasierte Denken stellt also keine unbedingte Grundlage für das kreativ-abstrakt-kombinisatorisches Denken dar. Vielmehr ermöglicht es in seiner Form als Medium einen vielleicht effektiveren, allgemeingültigeren  -aber dennoch nicht von Missverständnis freien - Kommunikationsvorgang. (5)

 

Idendität

 

Warum wird der Mensch nun aber über die reine materielle Problemlösung hinaus als kunstschaffendes Wesen tätig (was ihn ja grundsätzlich vom Tier unterscheidet)? Meiner Meinung nach hat dies viel mit dem Aufkommen von Individualität und dem damit einhergehenden Selbstbewusstsein zu tun, welches einem Tier in solcher Weise ebenso abgeht.  Durch das entstehen von Aufgabenteilung und die Spezialisierung auf bestimmte Tätigkeiten einzelner Menschen tritt eine Trennung von der allgemeinen Masse auf. Als erste und schon natürlich vorhandene Differenzierung kann die Geschlechterdualität gesehen werden. Diese Aufgliederung geht in einer sich spezialisierenden Gesellschaft aber weiter und wächst mit dem vorhandenen Kulturschatz dieser. Durch die Fähigkeit eine spezielle Arbeit zu verrichten, findet also eine Differenzierung zwischen mir und dem anderen statt: „Ich kann etwas, was du nicht kannst und unterscheide mich deshalb von dir.“ Selbstverständlich ist der Mensch wie auch das Tier schon von vornherein persönlichen Bedürfnissen ausgeliefert, nach deren Befriedigung getrachtet wird. Dies allein scheint mir aber noch kein Garant für ein ausgeprägtes Ich-Verständnis.  Wie genau es nun der Entstehung von Individualität und der Trennung zwischen Ich und Welt kommt kann hier nicht gänzlich erörtert werden. Jedoch manifestiert sich für mich ein Gegensatz des Menschen zum Tier in der Möglichkeit zur Selbstreflexion. Dies bedeute dann, „dass nur derjenige Mensch sein wird, der sich selbst als solcher erkennt, dass der Mensch dasjenige Tier ist, das sich selbst als menschlich erkennen muß, um es zu sein.“ (Linné 1735, S.6) (1) (S. 36 f.)

 

Langeweile

 

Diese Selbsterkenntnis könnte auch aus dem Auftreten von Langeweile entstehen, denn „ das Dasein findet sich durch diese Langeweile gerade vor das Seinde im Ganzen gestellt, sofern in dieser Langeweile das Seinde, das uns umgibt, keine Möglichkeit des Tuns und keine Möglichkeit des Lassens mehr bietet.“ (Heidegger 1983, S.210) (1) (S. 74) Durch die beschriebene Aufgabenteilung und die komplexer werdenden Gesellschaftsstrukturen tritt ein gewisser Wohlstand auf. Nicht jeder Mensch muss unentwegt für sein Überleben sorgen und sich etwa um Nahrungsbeschaffung bemühen oder in Gefahr vor Raubtieren leben, da ein soziales Gefüge für die Deckung der materiellen Grundbedürfnisse und Sicherheit eintritt. Erst jetzt ist der Mensch in der Lage unabhängig von weltlichen Nöten seine Gedanken schweifen zu lassen und über „unwichtige“ (im Sinne von nicht zum Überleben wichtige) Dinge nachzudenken: „diese Deaktivierung der konkreten Möglichkeiten offenbart zum ersten Mal ganz allgemein das Ermöglichende, die reine Möglichkeit oder, wie sie Heidegger nennt, die ursprüngliche Ermöglichung.“ (1) (S. 75)

Warum dies aber eintritt und man nicht einfach faul vor sich hin döst mag an dem Drang zur Beschäftigung und dem Wundern über die Welt liegen. Eine Triebfeder zur Aktivität stellt wohl das Bewusstsein vom Tode dar. Dies setzt freilich wieder Selbstbewusstsein voraus. Auch ein Tier besitzt zwar den Drang zu Leben und hat Furcht vor Gefahr, das Bewusstsein aber sterben zu müssen, liegt ihm kaum vor. Eben diese Tatsache aber mit der jeder Mensch früher oder später konfrontiert wird und die entstehende Einsicht, dass es ein Ende geben wird, kann ihn zu einem aktiven Leben drängen. Vielleicht auch mit der Aussicht auf ein Weiterleben im kollektiven Gedächtnis. Durch die Möglichkeit also nichts zu tun aber dem Drang etwas zu tun, mag der Mensch beginnen über allgemeine Begebenheiten nachzudenken. Sitzt er also gelangweilt am Strand fängt er an Kreise und Rechtecke in den Sand zu malen und über deren Verhältnisse und Berechnungen nachzudenken. So etwa könnte die Mathematik entstanden sein. Natürlich sind solche Erkenntnisse wieder praktisch anwendbar, der Luxus jedoch frei, ohne direkten Weltbezug zu denken ermöglicht erst ein abstraktes Denken. So kann unter Einbeziehung der Selbstreflexion auch erst die Frage nach dem Sein überhaupt entstehen. „Die tiefe Langeweile erscheint also als metaphysischer Operator, in welchem der Übergang von der Weltarmut zur Welt, von der animalischen Umwelt zur Welt des Menschen stattfindet.“ (1) (S. 77)

Das Tier dagegen lebt quasi vor sich hin und ist in der freien Natur zu meist mit dem Überleben beschäftigt. Heute natürlich langweilen sich auch (Haus-) Tiere, da auch sie von dem Luxus einer Grundversorgung profitieren. Ob auch sie philosophische Gedanken hegen, kann schwer festgestellt werden und bleibt deshalb unbestimmt, aber durchaus möglich, jedoch unwahrscheinlich. Den entscheidenden Punkt stellt dabei nämlich wieder die Individualität und das Selbstbewusstsein dar. Denn „die Benommenheit ist das Wesen der Tierheit, sagt: Das Tier steht als solches nicht in einer Offenbarkeit von Seiendem. Weder seine sogenannte Umgebung noch es selbst sind als Seiendes offenbar. (Heidegger 1983, S 361) (1) (S. 62)

 

Religion

 

 

Da der Mensch nur die Eingliederung in das feste System der Natur kennt, ist ihm der Gedanke einer metaphysischen Gleichgültigkeit zuwider. Sobald er beginnt abstrakt zu denken, baut er sich übergeordnete Konstrukte. Zunächst war es für den Menschen angenehmer sich menschenähnliche Götter vorzustellen, nach deren Ebenbild wir geschaffen sein sollen. Rein abstraktes Denken stellt sich auch heute noch als schwierig dar. Ebenso wurde durch die Religion eine Rechtfertigung für die Überlegenheit des Menschen in der Welt hergestellt, ja sogar gefordert. Freilich stellt die Religion auch eine Erklärung von Unerklärlichem und eine Befriedigung von dem Bedürfnis nach Gemeinschaft dar. Ebenso fungiert sie durch den Gebrauch von Riten auch als Medium und vermittelt so etwa moralische Werte. (Vor der Erfindung des Buchdrucks, hatte die Kirche ja auch das Wissensmonopol inne, dank der Archivierung von handschriftlichen Büchern) Der Mensch will und muss glauben, da er sich ansonsten verloren fühlt. Auch das ist eine Unterscheidung zum Tier, das einer solchen mentalen Stütze nicht bedarf. Die Existenz von Religiosität zieht sich durch die gesamte Menschheit und stellt somit einen Beleg für selbstreflexives Denken dar und manifestiert damit eine Unterscheidung zum Tier.

Freier Wille

 

Durch diesen Glauben an etwas göttliches motiviert, ist der Mensch nun auch in der Lage seinen Willen spielen zu lassen. Allein durch die Willensstärke können körperliche Zwänge beherrscht werden. Beispiele dafür sind etwa das Besiegen von Hunger (Fasten), oder sexuellen Trieben (Zölibat), oder gar die freiwillige Aussetzung von großem Schmerz (Selbstverstümmelung). Ein Tier könnte nie den Willen aufbringen hungrig einer vorgesetzten Speise zu widerstehen. Das bewusste Kontrollieren vom Körper stellt eine besondere Leistung des Menschen dar. Freilich stellt sich die Frage ob eine radikale Negierung der Körperlichkeit dem Menschen zuträglich oder überhaupt möglich ist, da er ja noch immer im tierischen Körper „gefangen ist“. Tendenzen dazu gab und gibt es zuhauf in der Menschheitsgeschichte. Ob dies Sinn macht sei dahingestellt, jedoch ist die Fähigkeit durch geistigen Willen den Körper (nahezu) absolut zu kontrollieren ein faszinierendes Phänomen, das den Menschen klar vom Tier unterscheidet.

Heute

 

Somit kann auch der Hochmut des Menschen sich als Krone der Schöpfung und Herrscher über die Welt zu sehen nachvollzogen werden. Wir haben es heute fast vollkommen geschafft die Natur nach unseren Vorstellungen zu ordnen und auf weitreichende Folge umzuformen. Dabei spielt natürlich die abendländische äußerst materiell ausgerichtete, kausalistische und durch christliche Religion gerechtfertigte Mentalität eine große Rolle. Durch kulturelle Kanalisation von Trieben (etwa Sport zum Aggressionsabbau oder Prostitution/ Pornographie) ist der tierische Mensch dabei praktisch domestiziert worden.

Körperliche Bedürfnisse sind (wenn auch nur in den Industrieländern) schon lange gedeckt, und auch dem Drang zur Kommunikation und Gemeinschaft wird heute – wenn auch auf verstümmelte Weise - etwa mit dem Fernsehen (oder anderen Massenmedien) entsprochen. Worin besteht also unser heutiger Fortschritt? Wenn es einst das Ziel war dem Menschen ein angenehmeres Leben beziehungsweise Glück zu ermöglichen, ist dies nicht schon längst erreicht? Was dabei auffällt ist, dass der Mensch trotz noch so viel Wohlstand nicht in der Lage ist langfristig glücklich zu sein. „Es ist auch nicht klar, ob der Wohlstand eines Lebens, das sich selbst nicht mehr als menschlich oder animalisch erkennen kann, als befriedigend empfunden werden kann.“ (1) (S. 86) Freiheit wird heute verstärkt als Befriedigung von körperlichen Bedürfnissen gesehen. Wie erwähnt wird vom Menschen eine künstliche Spezialisierung (die im Industriezeitalter ja sogar bis zur Reduzierung auf Handgriffe ging) verlangt und um sich gesellschaftlich einzugliedern muss dem auch entsprochen werden. Betrachtet man heutige Großstädte könnte man etwa Analogien zu Ameisenstaaten herstellen: jeder leistet seinen Teil zur Gesellschaft in einem chaotisch wuselndem Durcheinander. Kreativ-kombinisatorisches Denken wird dabei immer weniger gefordert, außer vielleicht bei Künstlern oder Wissenschaftlern. Aber auch hier herrscht schon eine pragmatische Zielstellung zur direkten Anwendbarkeit vor. Obwohl (oder gerade weil) wir heute also eine ungeheure Freiheit und Wohlstand erlangt haben, sehnen wir uns vermehrt nach festen Werten.

Ein passives, konsumorientiertes Leben wird zumeist einem aktiv, kreativen vorgezogen. Mit einer ausreichenden Grundversorgung mag dies einem eher tierischem Leben im Zoo entsprechen. Der Mensch befindet sich also noch immer dem Dilemma ein Tier mit göttlicher Einsicht zu sein: Segen und Fluch zu gleich. Mit dem Beginn der Postmoderne haben wir die Relativität unserer Sichtweisen und Wertesysteme erkannt. So sind auch Raum und Zeit (nicht nur durch Einstein) aus ihrem festen einheitlichen Rahmen gehoben worden. „Uexküll beweist, dass eine solche einheitliche Welt nicht existiert und dass es eine Zeit und einen Raum, die für alle Lebewesen gleich wären, nicht gibt.“ (1) (S. 50)

Wir sind somit frei geworden und dadurch letztendlich verloren. Aber es ergeben sich auch Möglichkeiten für ein neues Menschenmodell, nicht zuletzt durch technologischen Fortschritt. So hofft Benjamin: „Menschen als Spezies stehen zwar seit Jahrtausenden am Ende ihrer Entwicklung; Menschheit als Spezies aber steht an deren Anfang.“ (Benjamin 1972, S.147) (1)  (S. 91) Die Frage ist ob der Mensch diesem nächsten Schritt schon gewachsen ist, oder ob wir uns nicht doch zu sehr gefangen in unserer Natur befinden und diese Freiheit gar nicht ertragen können. Im Endeffekt herrschen nämlich noch immer urmenschliche (tierische) Triebe im Menschen vor. So entspreche das ausgeprägte Konsumverhalten, dem Jäger und Sammler der Frühzeit. Auch wenn wir uns heute also in einer hoch entwickelten, spezialisierten Gesellschaft vorfinden, sind die Beweggründe des Menschen noch weitestgehend die selben geblieben. Darüber hinaus ist vielleicht sogar ein Rückschritt eingetreten, indem kein Zwang mehr zur aktiven Weltauseinandersetzung besteht und auch die künstliche, höhere Motivation dazu in Form von Religion oder geschichtlicher Zielgerichtetheit weitgehend weg fällt. So zählen wieder vermehrt persönliche niedere Bedürfnisse, ähnlich wie im tierischen Dasein: „Die traditionellen geschichtlichen Mächte – Dichtung, Religion, Philosophie -, die sowohl in der hegelianisch-kojèvscshen als auch in der heideggerschen Perspektive das historisch-politische Schicksal der Völker wach hielten, sind seit einiger Zeit in kulturelle Schauspiele und private Erfahrungen verwandelt worden und haben jegliche historische Wirksamkeit verloren. In Anbetracht dieser Verdunkelung bleibt als einzige einigermaßen seriöse Aufgabe die Sorge und >>integrale Verwaltung<< des biologischen Lebens, d.h. der Animalität des Menschen selbst übrig.“ (S. 86)

Die Befreiung des Menschen aus weltlichen Zwängen war lange Zeit ein hehres Ziel. Durch seine geistigen Leistungen ist dies zum einen auch auf materieller Ebene weitestgehend erreicht worden. Jedoch können wir uns durch unsere Körperlichkeit wohl nie komplett von der Welt emanzipieren. Deshalb wurde und wird die Welt auf unsere Bedürfnisse angepasst. Auf geistiger Ebene andrerseits sind wir fast autonom. Nahezu alles kann gedacht werden. Allerdings ergibt sich durch diese gewonnene Freiheit auch das Dilemma der Verlorenheit. Als letzte Hoffnung funken noch immer mystische Ereignisse, wie etwa die Liebe auf. Aber auch hier stellt sich die Frage ob dies nicht auch eine Mischung aus biologischer Determinierung und verklärter Vorstellung ist. Wie gesagt will der Mensch Glauben an etwas Höheres, was er zum Überleben auch braucht.

Das Tier war so „klug“ sich nicht zu befreien, und ist in seiner Benommenheit noch vielmehr in die Welt eingebunden. Da es eben auch keinen freien Willen besitzt ist es unschuldig geblieben. Es tut was es tun muss. Deshalb beneiden wir es vielleicht und wollen es uns gleichmachen. So gibt es ja schon Fernsehsendungen für Katzen etwa oder modische Kleidung für zucht-designte Rattenhunde. Wir wollen, dass es dem Tier ergeht wie uns, nachdem wir es nicht mehr als Nutz- und Arbeitstier benötigen. Wir erziehen es und wollen ihm auch etwas Kultur zu Gute kommen lassen, geben ihm Individualität und erhalten somit einen Freund, ein Kind oder andersartige Projektionskörper. Was sich also abzeichnet ist der Versuch eines Rollentausches, indem „die integrale Humanisierung des Tieres koinzidiert mit der integralen Animalisierung des Menschen.“ (1) (S. 86)

Oder aber wir machen das Tier zur seelenlosen Maschine, die in Legebatterien und „Zuchthäusern“ für uns funktioniert, uns damit am Leben und unseren Wohlstand erhält, indem wir es uns einverleiben.

Der Mensch „kann nur insofern menschlich sein, als er das >>anthropophore<< Tier, das ihn trägt, transzendiert und verwandelt, nur, weil er gerade durch die negierende Tätigkeit fähig ist, seine eigene Animalität zu beherrschen und – eventuell – zu vernichten (in diesem Sinne hält Kojève fest, dass der >>Mensch eine tödliche Krankheit des Tiers ist<< [Kojève 1979, S.554]) (1) (S. 21 f.)

 

 

 

Zitate und Quellenangeben:

 

(1) Giorgio Agamben, Das Offene, Frankfurt am Main 2003

(2) Gilles Deleuze/ Felix Guattari: Was ist Philosophie? , Frankfurt am Main 1996

(3) Jacques Derrida: Geschlecht (Heidegger), Wien 1988

(4) Mead, G. H. (1968): „Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus.“ Frankfurt/M. Schneider

(5) McLuhen, Marshall: „Das Medium ist die Botschaft“, Dresden: Verl. Der Kunst, 2001