Interview zwischen Karin Lingnau und Jan Golduß:

Wie ist Dein Arbeitsprozess im Erschaffen Deiner Arbeiten und speziell im Fall von .moiré?


Bei meinen neueren digitalen Animationen geht es mir in erster Linie um eine Untersuchung des benutzen Mediums. Insofern sollten meine Arbeiten als selbstreflexiv angesehn werden. Ich möchte herausfinden wie sich das Medium aus sich selbst darstellt ohne es in vordefinierte Formen zu zwingen (also etwa kein Photorealismus, keine Nachahmung anderer Medien).
Im Fall von .moiré ist mir aufgefallen, dass sich eigenständige Formen bilden, sobald man eine gewisse Menge von Partikeln, bei der Erstellung von Simulationsmodellen generiert. Diese variieren auch bei der Änderung der Perspektive. Ich habe also beschlossen eben diesen eigentlich unerwünschten Effekt zu thematisieren.
Aus meinen früheren Arbeiten kannte ich eine spezielle Art die Punkte zu rendern, so dass sie sich optisch addieren sobald sie sich überlappen. Ein einzelner Punkt ist also fast unsichtbar, wenn sich aber genügend viele übereinander legen, entsteht eine komplette Fläche. Mit dieser Art der Punktberechnung habe ich also verschiedene einfache Kamerafahrten erstellt, wobei sich die Brennweite der virtuellen Kamera immer zwischen Extrempositionen (extremer Weitwinkel - Tele) bewegt. Somit schaut man quasi wie mit einem Tele-oder Mikroskop ganz nah hin und erfährt in einer flüssigen Bewegung schliesslich die gesamte Form. Dabei bewegt sich die Kamera teilweise in Kurvenbahnen um die Ansammlung der Partikel. Somit hatte ich verschiedene Zoomfahrten und Perspektiven um den mit Punkten gefüllten Würfel, welche ich anschliessend nach subjektiven Entscheidungen hintereinander reihte und abwechselnd in der Abfolge umkehrte. Es enstand so eine Art Pulsen, eine ständige Hinen-Hinausbewegung. Die Animationen sind bewusst sehr lange angelegt um eine langsame Veränderung der Perspektiven zu haben. So ergibt sich eine Länge der kompletten Animation von 17 Minuten.


Welches sind die technischen Grundlagen der Arbeit?


Es handelt sich um eine rein virtuelle 3D-Animation. D.h. es wird ein Programm benutzt welches rein mathematisch einen virtuellen karthesischen drei-dimensionalen Raum (mit X-, Y- und Z-Achse) darstellt. Zusätzlich kann in diesem Raum mit Zeit gearbeitet werden, es können also Bewegungen abgebildet werden, indem Positionen zu einem gewissen Zeitpunkt gespeichert  und vom Programm interpoliert oder generiert werden. Anschlissend werden Einzelbilder für jeden Frame in einer Bildsequenz berechnet und gespeichert. So erhält man dann ein bewegtes Video.
In diesem Raum-Zeit Konstrukt werden in der Regel Punkte plaziert und mit Flächen verbunden (es entstehen Polygone - Vielecke). Auf diese Flächen verzichte ich aber und arbeite vielmehr nur noch mit den einzelnen Punkten (Partikel). Um diese darzustellen bedarf es allerdings einer eigenen Zuweisung, da Punkte mathematisch ja unendlich klein sind. Entweder wird für jeden Punkt ein beliebiges Polygon verwendet, oder aber wie in meinem Fall, ein spezielles Programm interpretiert die Punkte als Volumen mit einer einstellbaren Dichte.
Dieser Ansatz spiegelt für mich im übrigen auch eine Weltsicht wieder: Hat man es bei der herkömmlichen 3D-Animation mit puren Koordinaten zu tun, welche lediglich hohle Oberflächen generieren, so nehme ich jeden Punkt als Volumen wahr. Es gibt also keine unendlich kleinen Atome (im Wortsinn: unteilbare Teile), sondern jeder Punkt, wie klein er auch sein mag stellt in sich wiederum einen Raum dar.


Gibt es thematische Bezuege?


Mich fasziniert generall die Tatsache, dass in dem diskreten, abzählbaren Raum des Digitalen dennoch komplexe Strukturen entstehen können. Dies hat natürlich mit der Auflösung zu tun: Sobald die Anzahl der Pixel etwa für den Menschen unüberschaubar wird, entstehen für ihn neue Strukturen. Genau dies möchte ich mit .moiré auf einfachste Weise verdeutlichen: Vom einzelnen Punkt ausgehend entstehen durch Häufung und Rasterung neue Elemente. Thematisch mag dies Bezug nehmen auf unsere Welt im allgemeinen, in der eben auch einfache kleine Elemente komplexe Strukturen hervorbringen können.


In welchem Bezug stehen Sound und Bild bzw. Bildentwicklung?


In dem Fall von .moiré war das Bild vor dem Ton fertig. Beim Ton handelt es sich um live generierte Gitarrenfeedbacks die ursprünglich unabhängig von .moiré, aber fast zeitglich entstanden sind. Ich habe jedoch beschlossen die Feedbacks zu benutzen, da sie auf Tonebene eine Analogie der Häufung und Schichtung darstellen wie dies auch im Bild geschieht.
Bei der Präsentation als Installation laufen Bild und Ton unabhängig voneinander asynchron. So gibt es auch hier immer eine Verschiebung der Schwingungen und Muster.
Bei entsprechender Gelegenheit werden die Feedbacks auch live generiert, also eine Art Konzert.


In welchem Zusammenhang steht die technische Erstellung der Arbeit zur Praesentation und der inhaltlichen Ausrichtung?


.moiré ist in fullHD (1920*1080) produziert und sollte im Idealfall in dieser Auflösung präsentiert werden, da wie gesagt jeder Punkt zählt. Durch Skalierung bzw. Kompression wird die gesamte Erscheinungsform der Arbeit verändert, da sich andere Muster bilden, bzw. Punkte zu Flächen werden oder ein Flackern auftritt. Da es eben um den einzelnen Punkt geht der durch Häufung im Ratser erst Formen bildet, sollte inhaltlich gesehen auch der einzelne Punkt wahrgenommen werden.